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Umbenennungen von Verkehrsflächen im öffentlichen Raum sind nichts Neues. Nach Systemwechseln werden sie im großen Stil durchgeführt. Man denke nur an den Personenkult im Dritten Reich und  in der DDR und sein jeweiliges Verschwinden nach dem Ende der Diktaturen.

In unaufgeregteren Zeiten wird über Umbenennungen immer dann in Gemeindegremien diskutiert, wenn nach dem Tod einer ehrenwerten Person der Ort gesucht wird, der den Verdiensten gerecht wird. Im SPD-regierten Leipzig der 1990-ger Jahre bekam Willy Brandt auf diese Weise einen Platz in der Innenstadt, Konrad Adenauer wurde hingegen an die Peripherie verwiesen. In München heißt der Flughafen nach dem legendären CSU-Landesvater, Hamburg hat an gleicher Stelle für Helmut Schmidt nachgezogen, nur die Berliner Namensweihe für den Bürgermeister Brandt lässt auf sich warten. Darüber könnte man sich aufregen.

Aufregungen gibt es aber auch auf anderen Feldern. In die Kritik geraten sind nämlich etliche Benennungen nach Figuren aus dem Kaiserreich. Anlass ist die Verstrickung in koloniale Verbrechen bei einst als Forscher, Entdecker oder Kriegsherren geschätzten Personen. In etlichen deutschen Städten sind Paul von Lettow-Vorbeck und Lothar von Trotha verschwunden, weil man ihre Taten heute als Untaten bewertet. Etliche andere Namen sind in der Diskussion.

Zuletzt ist auch der vermeintliche Weltkriegsheld Hindenburg ins Zentrum einer solchen Kritik geraten. Seine unheilvolle Rolle als Reichspräsident am Ende der ersten deutschen Republik wird vielerorts als unverträglich mit dem demokratischen Grundverständnis der Gegenwart empfunden.

Münster und Kiel haben sich Hindenburgs entledigt. Bad Tölz ist einen anderen, deutlich differenzierteren Weg gegangen. Dort hat man Hindenburg die Ehrenbürgerwürde aberkannt, seinen Namen hingegen nicht von der prominent gelegenen Straße in der Innenstadt getilgt. Wer sich anschauen möchte, wie mit historischem Sachverstand und politischem Augenmaß mit dem problematischen General umgegangen wird, kann das auf der dazugehörigen Projektseite tun. Oder den Koffer packen und sich die Dinge vor Ort anschauen. Die Vorteile eines Kurorts gibt’s zur historischen Bildung gratis dazu.

Im geruhsamen Zweibrücken (s. unser Bild) hat man ein entspanntes Verhältnis zum Bismarckdenkmal. Es wurde 1894 errichtet, steht also schon mehr als 120 Jahre ohne großes Aufsehen im Zentrum der einst bayerischen Stadt. Es hat aber auch turbulente Zeiten erlebt.

An seinem Standort am Herzogsplatz, in Sichtweite des Rathauses und des Landgerichts, zog es Anfang der 1970-ger Jahre den Zorn von angereisten Protestlern auf sich. Diese kamen aus der 68-ger-Hochburg Frankfurt, um lautstark gegen einen Prozess am Landgericht zu demonstrieren, der dort gegen zwei Mitglieder der Black-Panther-Bewegung geführt wurde. Am Rande der Demonstrationen wurde die Bismarck-Statue erstiegen und mit Farbe beschmiert.

Zusätzlich wurde Bismarck ein Plakat mit der Aufschrift „100 Jahre Bismarck, hundert Jahre Ausbeutung, 100 Jahre Scheißdreck“ umgehängt – immerhin, das Datum der Reichsgründung war den Bürgersöhnen noch bekannt. Beherzte Zweibrückener nahmen es dann ab, der Prozess ging zu Ende, die Frankfurter Spontis fuhren heim und der Pulverdampf verzog sich.*

Nun erfährt der Zweibrückener Bismarck wieder eine Aneignung ganz eigener Art. Friedlich und ohne Schaum vor dem Mund wird er seit einer Woche von Abiturienten des Zweibrückener Helmholtz-Gymnasiums täglich neu eingekleidet. Die Kleider-Wahl ist, nun ja, gewagt. Und eine Kollektion verschwand auch schon über Nacht. Ob sich wie vor 50 Jahren ein empörter Bürger der Stadt an dem Anblick gestört hat?

Wir empfehlen: Locker bleiben und die Kunstaktion als solche betrachten. Und im Anschluss vielleicht ein wenig über Bismarck und die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts nachdenken.

*Siehe zu den linksradikalen Hintergründen und Verbindungen zur ostdeutschen Staatssicherheit: Jochen Staadt, Die Flucht des Schwarzen Panthers. Im Kofferraum von Frankfurt via GÜST-Marienborn nach Afrika, in: Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat 24 (2008), S. 86-95, Zitat S. 93.

Endlich sind sie da: 94 neu erworbene Ehrenbürgerbriefe für Bismarck! Einst sind sie Bismarck von Städten und Gemeinden aus ganz Deutschland als kunstvoll gestaltete Urkunden der verliehenen Ehrenbürgerwürden geschenkt worden. Nun kehren sie nach Friedrichsruh zurück.

Nach Bismarcks Tod 1898 wurden der Großteil der Ehrenbürgerbriefe im Bismarck-Museum in Schönhausen ausgestellt bzw. magaziniert. Während der sowjetischen Besatzung wurden sie wie viele andere Objekte verstreut. Ein Teil blieb im Besitz der Familie und gelangte ins Bismarck-Museum in Friedrichsruh, ein anderer Teil wurde in Wernigerode im „Feudalmuseum“ der DDR aufbewahrt.

Diese 94 Objekte sind nach ihrer Restitution an den Familienverband der Nachkommen Otto von Bismarcks durch Mittel der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien für die Otto-von-Bismarck-Stiftung angekauft worden und heute hier eingetroffen. Der Bestand ist nach Jahrzehnten wieder zusammengeführt.

Wir freuen uns über diese Rückkehr nach Friedrichsruh, die einen bedeutenden Zuwachs unserer Bestände bedeutet. Wen stört da der graue Himmel über dem Sachsenwald?!