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Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Montag, den 21. September 2015 um 19:03 Uhr

So könnten zwei Handschriften Otto von Bismarcks überschrieben sein, die in der Autographensammlung der Universitätsbibliothek Tübingen verwahrt werden. Wenn, ja wenn sie denn von Otto von Bismarck stammen würden. Und wenn es überhaupt Autographen wären. Oder sind sie es vielleicht doch? Oder vielleicht nur zur Hälfte? Der Reihe nach.

Der Kanzler ohne Amt sonnte sich seit seiner Entlassung 1890 in einer beispiellosen Popularität, die vorherige Verehrungsbekundungen, etwa zu seinem 70. Geburtstag im Jahr 1885, bald in den Schatten stellten. Zum Sedantag, zum Neujahr und vor allem zu seinem Geburtstag liefen wäschekörbeweise Glückwünsche in Friedrichsruh ein. 1895, zum 80. Geburtstag Bismarcks wurde am Alterssitz des Reichsgründers im Sachsenwald eigens ein Postamt in Betrieb genommen, um der eingehenden Sendungen Herr zu werden.

Neben einfachen, gereimten, gemalten, vergoldeten oder duftenden Glückwunschschreiben erreichten Bismarck tonnenweise Geschenke, die  die zeitgenössische Stilsicherheit der nationalkonservativen Absender verrieten und sich im besten Fall konsumieren ließen. Bismarcks Vertrauensmann abseits der politischen, dynastischen und gesellschaftlichen Sphären, der Förster des Sachsenwaldes und ständige Hausgast Peter Lange, bezeugte wie andere auch die enormen Speise- und Getränkevorräte in den Kellern Friedrichsruhs, die eigene Nahrungseinkäufe weitgehend überflüssig machten. Die edlen Spender wollten allerdings bedankt sein, zumindest mit einer kurzen persönlichen Zeile. Dass dies wie bei heutigen Stars und Sternchen nur mittels gedruckter, in Bismarcks Fall durch einen Paraphenstempel hergestellter Massenformulare geschehen konnte, wird klar, wenn man weiß, dass im April 1895 400.000 Briefe, Karten und Telegramme in Friedrichsruh eingingen. Der Geehrte verfasste verschiedene knappe Antwortvarianten (Sehr geehrter Herr…, Sehr geehrte Frau…, ..danke ich für den Glückwunsch., …. danke ich für das vorzügliche Geschenk… usw.), seine Sekretäre entschieden je nach Adressat über die Intimität des Antwortschreibens. Bestenfalls unterschrieb Bismarck noch selbst. Meistens war auch seine Unterschrift Teil des Stempels, einige sind im Bismarck-Archiv erhalten.

Zwei Schreiben (einfach auf die Fotografien oben klicken) aus der umrissenen Kategorie sind in Tübingen erhalten, der Entstehungs- und Überlieferungskontext ist nicht mehr bekannt. Man kann aber mutmaßen. Zum einen dankte Bismarck 1891 für Neujahrsglückwünsche (Mit verbindlichstem Dank erwidere ich Ihren freundlichen Glückwunsch zum neuen Jahre. vBismarck). Schriftbild und Unterschrift erscheinen unbedingt authentisch. Ob das Schreiben nicht doch ein Stempel ist, wäre zu prüfen. Dass die Anrede fehlt, deutet auf eine gestempelte Vielfach-Antwort hin, was freilich nicht sicher ist.

Im zweiten Fall ist die Unterschrift echt (wenn auch vielleicht gestempelt), die Handschrift des markigen Spruchs jedoch nicht; die Umschrift ist im Homepagetext der Tübinger Kollegen zu lesen. Selbst ohne intime Kennerschaft der Bismarckschen Handschrift fällt die Differenz zwischen der mit breiterer Feder geschriebenen, national-bacchischen Weisheit und der Unterschrift auf. Und auf den zweiten Blick hilft ein Hinweis aus der Biographik: Bismarck hat im Alter an seinem stets gefeierten Geburtstag am 1. April zwar immer wieder viel gesagt, jedoch wenig bis nichts geschrieben. Er kam schlicht nicht dazu! Daher wird der auf zu leerende Trinkgebinde anspielende Ausspruch zwar mit einiger Wahrscheinlichkeit vom ihm stammen, wohl aber kaum von ihm selbst aufgeschrieben, sondern allenfalls unterschrieben worden sein.

Wie dem auch sei: Dass flaschenweiser Weinkonsum damals wie heute zum Hervortreten des Bewusstsein der eigenen Stärke verhilft, hatte das Geburtstagskind Bismarck 1892 ganz richtig erkannt. Als Stammbuchweisheit eignet sich der Ratschlag gegen übertriebene Zurückhaltung oder Niedergeschlagenheit aber immer noch nur bis zum nächsten Morgen.

Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Dienstag, den 01. September 2015 um 07:35 Uhr

Thomas Nipperdeys berühmte Trilogie über die Geschichte Deutschlands im 19. Jahrhundert beginnt mit dem berühmten Satz: „Am Anfang war Napoleon.“[1] Die bibelfesten Leser der 1980er Jahre wussten, anders als manche Proseminaristen heute, woher die lakonische Feststellung entlehnt war. Wenn der Marburger Historiker Eckart Conze seine Geschichte des Auswärtigen Amts mit Bezug auf Otto von Bismarck mit einem ganz ähnlichen Satz beginnt, bezieht er sich, so kann man annehmen, nicht nur auf das Johannes-Evangelium, sondern auch auf Nipperdey. Gleich zweimal nimmt Knut Linsel in einer launigen Rezension Conzes Formulierung „am Anfang stand Bismarck“ auf. Wir wollen nicht widersprechen und wünschen gute Unterhaltung, beim Lesen der Besprechung und bei Eckart Conzes Buch.

Achso: Worauf, oder besser worin Bismarck stand, zeigt die Grafik aus der „Bombe“, obere Reihe, Mitte.

[1] Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1800-1866. Bürgerwelt und starker Staat, München 1983, S. 11: „I. Der große Umbruch. 1. Das Ende des Reiches. Deutschland unter der Herrschaft Napoleons