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Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Donnerstag, den 16. Juli 2015 um 11:58 Uhr

Es gab eine Zeit, da fiel den meisten Deutschen beim Stichwort „Sansibar“ nicht Sylt, sondern Helgoland ein. Nicht die Wochenendvergnügungen der Hamburger Schickeria, sondern karge Felsen mit endemischen Pflanzen kamen einem immer dann in den Sinn, wenn man beim Hören des Wortes „Sansibar“ automatisch auf Gedankenreise zu der sturmumtosten Nordsee-Insel ging.

Und wieso war das so? Weil der Tausch der zum deutschen Kolonialbesitz gehörenden Insel Sansibar vor der ostafrikanischen Küste gegen die bis dahin britische Insel Helgoland im Jahr 1890 eine der ersten außenpolitischen Handlungen Wilhelms II. nach der Entlassung Bismarcks gewesen war.

So jedenfalls ist Geschichte durch die Köpfe von Generationen von Deutschen hindurch bis fast in die Gegenwart weitererzählt worden (bis eine zur Premiummarke aufgestiegende Bar dem Wort „Sansibar“ eine völlig andere Konnotation gegeben hat, doch das ist nicht unser Thema).

In England hat diese Lesart nie jemand ernst genommen. Und auch auf Sansibar nicht. Oder sonst irgendwo auf der Welt. Und wieso nicht? Nun, weil sie nichts als eine langlebige Legende aus der Feder Bismarcks ist. Eines der vielen Störfeuer des  „Alten aus dem Sachsenwald“ gegen die Politik seines Nachfolgers. Aus Anlass der 125. Wiederkehr des Tauschs berichteten jüngst verschiedene Presseartikel über das Ereignis und dessen irrwitzige Rezeptionsgeschichte, am ausführlichsten die Welt. In seinem dortigen Artikel wies Ulli Kulke mit Nachdruck darauf hin, dass der Tausch schon zu Bismarcks Amtszeit verhandelt und vorbereitet worden sei, anders als von diesem später dargestellt. Auch habe das Deutsche Reich nicht, wie Bismarck es hinstellte, „einen Knopf für einen Rock“ bekommen, denn Sansibar habe – so Kulke völlig richtig – nie zum deutschen Kolonialbesitz gehört. Das ist der springende Punkt! Deutschland konnte nur auf etwaige Ansprüche und spätere Erwerbswünsche verzichten, mehr nicht! Völlig zurecht macht Kulke Bismarcks Version als dreiste Geschichtsklitterung erkenntlich. Denn Bismarck überging die großangelegte koloniale Flurbereinung Caprivis und pickte sich mit „Sansibar gegen Helgoland“ nur einen Punkt aus vielen heraus.

Dabei ging es ihm bei seiner Kritik eigentlich gar nicht um die Sache, also um die beiden Inseln an sich. Was Bismarck störte war der gesamte „Neue Kurs“ Wilhelms II. Außen- wie innenpolitisch. Vielleicht hätte er sogar selbst den deutschen Rückzug aus dem Phantasiebesitz Sansibar mit dem Erwerb Helgolands in die Wege geleitet. Da es nun aber sein Nachfolger getan hatte, und zwar nach Verhandlungen, denen Bismarck nicht beigewohnt hatte und über die er nur Mutmaßungen anstellen konnte, war es ihm unmöglich, etwas anderes darin sehen, als einen von vielen Schritten hin zur Zerstörung seiner mühsam arrangierten Machtbalance.

Der Gipfel dieser eigenmächtigen Politik war etwa zeitgleich die Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertrags durch Wilhelm II. Bismarck schäumte über diese Wende gegenüber seiner Politik. Eine Übereinkunft mit England in Sachen Sansibar bzw. Helgoland passte in diese ihm verhasste Neuausrichtung.

Dies alles nur als Anmerkung. Und allen Kolonialromantikern ins Stammbuch:

Das deutsche Reich war auf Sansibar nur eine von vielen europäischen Mächten, die sich neben den indischen und arabischen Vertretern in Handel und Wirtschaft auf einem jahrhundertealten Umschlagplatz tummelten. Oder besser: zu tummeln suchten. Dass man dafür ein Kanoneboot auffahren ließ, um seinen Interessen am ostafrikanischen Festland Nachdruck zu verleihen, entsprach den ruppigen politischen Gepflogenheiten der Zeit, beunruhigte aber weder Portugiesen noch Engländer. Einen Fußbreit Land auf der Insel hatte und hätte man ohne erhebliche Konflikte mit den tatsächlichen See- und Lokalmächten damit nicht gewinnen können. Das Verhältnis der sagenumwobenen Eilande war aus deutscher Sicht also doch eher andersherum: Knopf (oder besser Knöpfchen) gegen Rock! Man denke an Millionen glücklicher Butterfahrten zur größten Insel in der Deutschen Bucht! Und an die dortigen SansiBar…

Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Montag, den 13. Juli 2015 um 10:10 Uhr

Seit 1882 wird in Kiel die bekannteste Regatta Deutschlands ausgetragen. In Bismarcks Regierungszeit segelten die stolzen Jachten also schon durch die Kieler Förde, aber der Kanzler hatte damit nichts zu tun. Anders als heute, wo es sogar eine „Fürst-Bismarck-Lounge“ bei der Regatta gibt.

Wilhelm II., der Bismarck im März 1890 den Stuhl vor die Tür stellte, bevor im Juli des Jahres zum 8. Mal die „Kieler Woche“ stattfand (die seit 1894 auch so heißt), war dagegen ein erklärter Fan des Wettbewerbs zur See. An Bord seiner Jacht „Meteor“ war der Marine-Enthusiast Dauergast bei der Regatta, die 1914 zum letzten Mal in seiner Regierungszeit veranstaltet wurde. Wie er sich nach langen Abenden stärkte? Wir wissen es nicht. Möglich ist, dass bereits er das herzhafte Menü orderte, mit dem die Segler heutzutage zu neuen Kräften kommen. Wenn auch der Hering bei ihm mit Sicherheit einen anderen Namen trug!

Unser Bild zeigt eine von Sedef Karakan fotografierte Angebotstafel in Kiel aus diesem Jahr. Die mit 5,50 € gnadenlos günstige Speise- und Getränkefolge gibt dem Begriff Katerfrühstück gleich noch eine zweite Bedeutung. Denn mit dem Genuss von Hering, Bier und Korn kämpft man nicht nur gegen einen Kater an, sondern arbeitet wohl auch direkt auf den nächsten zu. Na denn, Prost! Und natürlich: Mast- und Schotbruch!

Geschrieben von Dr. Ulf Morgenstern am Freitag, den 10. Juli 2015 um 07:43 Uhr

In den nächsten Wochen wird die halbe Republik wieder um den Globus reisen und Erholung und Bildung suchen. Im Zeitalter der Smartphones werden alle möglichen Eindrücke dabei augenblicklich zu Fotos. Einige werden an Freunde weitergeleitet, die meisten verstopfen allerdings später nur die Speicherkarten der Telefone. Damit das reflexhafte Fotografieren einen höheren Sinn bekommt, haben wir eine kleine Bitte. Sollten Sie zwischen Schwarzwald und Südafrika irgendwo auf einen unerwarteten Bismarck-Bezug stoßen, dann sichern Sie ihn für uns. Denkmäler, Straßenschilder, was auch immer: Wir sammeln für unser Wiki-Projekt www.bismarckierung.de die verschiedensten Bismarck-Orte. Hauptsache, der genaue Ort kann für den Eintrag in die Karte sicher angegeben werden.

Ihre Fotos können Sie uns einfach über facebook schicken oder Sie melden sie in der Kommentarfunktion bei bismarckierung.de

Und bitte scheuen Sie auch nicht vor Absonderlichkeiten und Nebensächlichkeiten zurück. Unser Bild zeigt etwa ein leicht mitgenommenes Taschenbuch in einem Antiquariat in Glenelg am Stadtstrand von Adelaide in Australien, aufgenommen am 3. Juli 2015. Sieben australische Dollar, umgerechnet 4,71 € sollte das Standardwerk A. J.P. Taylors aus dem Jahr 1955 dort kosten. Liefert jemand einen noch südlicheren Bismarck-Bezug? Oder einen östlicheren?

Gute Reise und einen schönen Urlaub wünscht das Team der Otto-von-Bismarck-Stiftung!

Im Rahmen der Pariser Sonderausstellung „Otto von Bismarck: L’homme – le pouvoir – le mythe“ im dortigen Goethe-Institut hat am 25. Juni eine Podiumsdiskussion über „Sozialstaatlichkeit in Deutschland und Frankreich gestern und heute“ stattgefunden. Eingeladen dazu hatte die deutsche Botschafterin Dr. Susanne Wasum-Rainer. Als Diskutanten traten der Chef des Bundeskanzleramts und Bismarck-Kenner Peter Altmaier, die Schweizer Historikerin und Bismarck-Biografin Sandrine Kott und der Bremer Sozialwissenschaftler Stephan Leibfried auf. Moderiert wurde die Runde von der Pariser Historikerin Hélène Miard-Delacroix. 120 Gäste waren der Einladung ins geschichtsträchtige Palais Beauharnais gefolgt, in dessen schon vom preußischen Kurzzeit-Gesandten Bismarck gelobten Garten sie im Anschluss mit den Experten ins Gespräch kommen konnten.

Ein rundum gelungener Abend, für den der eben nach Rom gewechselten Botschafterin und ihren Mitarbeitern herzlich zu danken ist. Merci beaucoup!

Auf unserem Bild: Prof. Dr. Ulrich Lappenküper (Vorstand und Geschäftsführer der Otto-von-Bismarck-Stiftung), Prof. Dr. Sandrine Kott (Universität Genf), Botschafterin Dr. Susanne Wasum-Rainer (noch Paris, jetzt schon Rom).