Japanisch-deutsche Beziehungen mal anders: Eine mittelrheinische Burg in den Subtropen

Knapp 9.000 Kilometer trennen Deutschland von der wunderschönen kleinen Insel Miyako-jima, im Ostchinesischen Meer –  deutlich näher zu Taiwan gelegen als an das eigene japanische Mutterland. Wer das Glück hat, einmal das subtropisch-tropische Eiland der Präfektur Okinawa zu besuchen, wird sich nicht nur an den puderzuckerweißen Stränden, den bunten Korallenriffen oder der exotisch anmutenden Vegetation erfreuen. Man wird auch nicht schlecht staunen, wenn man im Hafen der Ortschaft Hirara plötzlich vor einer Gedenkstele Kaiser Wilhelms I. steht, oder bei Ueno eine mittelalterliche Burg sowie Fachwerkhäuser inmitten des Themenparks „Deutsches Kulturdorf Ueno“ erblickt – genau an der Gerhard-Schröder-Straße.

Womit haben wir es hier also genau zu tun? Und warum lassen sich ausgerechnet auf dieser kleinen pazifischen Insel Bezüge zu Deutschland finden, die vom Kaiserreich bis in die Berliner Republik reichen?

Anders als man auf dem ersten Blick vermuten mag, steht der Ursprung des Ganzen nicht direkt mit der Kolonialvergangenheit des Kaiserreichs in Verbindung. Am 11. Juli 1873 geriet der deutsche Schoner R.J. Robertson während der Teehandelsfahrt vom chinesischen Fuzhou nach Taiwan in einen Taifun und strandete vor Ueno auf dem Riff. Miyako-jima stand zu jener Zeit unter chinesischem Einfluss und wurde von den Deutschen „Typinsan“ genannt (dem chinesischen „tai pin shan“ folgend, was „großer flacher Berg“ bedeutet); erst sechs Jahre später wurde sie in die japanische Präfektur Okinawa eingegliedert. Als einige Dorfbewohner das Unglück im Sturm bemerkten, setzten sie bei gefährlichem Wellengang mit kleinen Booten aus, um die Besatzung zu retten. Acht Mitglieder der selbigen konnten tatsächlich geborgen und an Land gebracht werden. Sie wurden auf der Insel mit Nahrung und Unterkunft versorgt und traten nach knapp einem Monat die Weiterreise an, welche nur dadurch zustande kam, dass der höchste Mandarin der Loochow-Inseln dem Kapitän Eduart Hernsheim eine Dschunke übereignete.
Wilhelm I. erhielt einen ausführlichen Bericht vom Schicksal der dankbaren Seeleute und ließ in Anerkennung für den Mut der Insulaner und die Versorgung der Besatzung eine Stele stiften, die heute noch in Hirara besucht werden kann.

Die Gedenkstele im Hafen von Hirara.
Die Inschrift ist einmal auf Deutsch (oben) und auf Chinesisch (unten) vorhanden, mit folgendem Wortlaut:

„Im Juli 1873 ist das Deutsche Schiff R. J. Robertson geführt vom Capitän Hernsheim aus Hamburg an den Felsen vor der Küste von Typinsan gestrandet. Die Besatzung ward mit Hilfe der Uferbewohner gerettet, in Sicherheit gebracht und während 31 Tage gastlich aufgenommen, bis sich am 17. August 1873 die Heimreise bewirken liess. In dankbarer Anerkennung dieses rühmlichen Benehmens haben
WIR WILHELM VON GOTTES GNADEN
Deutscher Kaiser, König von Preussen die Aufstellung dieses Denkmals in bleibender Erinnerung angeordnet.“

1936 erinnerte man auf Miyako-jima feierlich des 60-jähriges Jubiläums der Denkmalsenthüllung und feierte die Stele als „Gedenkstein der Menschenliebe“; in der Folge wurden die Beziehungen zwischen Miyako-jima und Deutschland intensiviert.
Es sollte jedoch weitere 59 Jahre andauern, bis sich die Insel ein neues Symbol der japanisch-deutschen Verbindung gab: 1995 wurde der Freizeitpark „Deutsches Kulturdorf Ueno“ („Ueno doitsu bunkamura“) errichtet. Zu seinen Attraktionen zählen etwa ein Wasserobservatorium, Bootstouren im türkis-blauen Meer und ein beheizter Pool. Der deutsche Bezug wird beim „Kinderhaus“, in dem Kinder die Grimm’schen Märchen kennenlernen können, allerdings deutlicher – ebenso durch die Architektur zahlreicher markanter Bauwerke: Der Themenpark ist geprägt von einer Reihe aus Beton nachgebauter Fachwerkhäuser, einem deutschen Landhaus, einem Herrenhaus, Originalstücken der Berliner Mauer, einem Palais im Stil des 18. Jahrhunderts sowie seit 1996 von einer Kopie der mittelrheinischen Marksburg. In Ueno hatte man zunächst geplant, das mittelalterliche Original, welches seit 2002 zum UNESCO-Welterbe Mittelrhein gehört, tatsächlich abzubauen, zu verschiffen und auf der Insel wieder zu errichten. Die Zustimmung der „Burgherrin“, der Deutschen Burgenvereinigung, konnte freilich nicht eingeholt werden; so kommentierte ihr Präsident: „Wir sind eine Initiative für die Erhaltung der Burgen und nicht für deren Umsiedlung.“ Der Gegenvorschlag, eine Kopie zu errichten, um gleichzeitig Werbung für das Original im „Fernen Westen“ zu machen, überzeugte und wurde bis 1996 in die Tat umgesetzt – ohne Burgzwinger, Batterien, Vogtsturm und Zugbrückentor. Im Innern der Burg finden regelmäßig Filmvorführungen, Konzerte, Informationsveranstaltungen zu Reisezielen in Deutschland, Deutschkurse, Weinproben und viele weitere Angebote statt. Das Ziel, deutsche Kunst und Kultur zu vermitteln, wird darüber hinaus mit dem „Museum der Philanthropie“ verfolgt, das sich ebenfalls im japanischen Marksburg-Zwilling befindet. Insgesamt sorgt die intendierte Kombination aus pazifischer Schönheit Miyako-jimas und mittelalterlich-deutscher Baukultur für einen im ersten Moment durchaus bizarren, schließlich aber doch faszinierenden Anblick.

Die Marksburg: Einmal ihr Original (oben links) und der Nachbau am pazifischen Strand (rechts oben)
Unten: Ein Überblick über das „Deutsche Kulturdorf Ueno“
[das linksobere Foto stammt von Holger Weinandt, die beiden übrigen aus dem Tourist-Prospekt des Ueno German Culture Village]

Als vom 21. bis zum 23. Juli 2000 der G-8-Gipfel in Okinawa stattfand, besuchte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder das Kulturdorf. In Erinnerung hieran wurde die Straße, die den Flughafen mit dem Kulturdorf verbindet, nach ihm benannt.

Der Freizeitpark „Deutsches Kulturdorf Ueno“ mit seinem Anspruch, deutsche Kultur mal auf die ungewöhnliche Art zu vermitteln, ist bei weitem nicht der einzige Grund, warum sich ein Besuch auf Miyako-jima auf jeden Fall lohnt. Das kleine „Hawaii Japans“ besticht wie beschrieben durch seine atemberaubende Naturschönheit, einem paradiesischem Wetter (abgesehen von dem ein oder anderem Taifun), einer für japanische Verhältnisse großen Lockerheit seiner Bewohner/innen und einem international bekannten Triathlon-Wettbewerb.
Wer vom „Fernen Westen“ aus einen direkten Einblick in die Internetpräsenzen von Insel und Kulturdorf erhalten möchte, muss sich gezwungenermaßen mit der Landessprache auseinandersetzen, da deutschsprachige Übersetzungen fehlen. Die Touristeninformation Okinawas gibt immerhin einige grundlegende Informationen und weitere, hilfreiche Links an.

Übrigens wurde auf der Basis von Kapitän Hernsheims Tagebuch 1881 das Buch „Der Untergang des Deutschen Schooners ‚R.J. Robertson‘ und die Aufnahme der Schiffbrüchigen auf der Insel ‚Typinsan‘“ im Leipziger Verlag Thiel veröffentlicht. Auf 60 Seiten lässt sich die ganze Geschichte bei etwas Rotwein und viel Fernweh nachverfolgen.

[Das Bild am Artikelanfang stammt von der Homepage des „Deutschen Kulturdorfs Ueno“ / „Ueno doitsu bunkamura“]

Geschrieben von Christian Wachter am 23. Januar 2013